Tipps und Tricks für noch mehr Freude und Erfolg beim Singen

Für Chorsänger und Chorleiter:

Folge 1 der Serie „Mein Chor und ich“

singing-304617_1280(1)Chorsingen ist wieder en vogue: Jahrzehntelang von vielen als piefig und konservativ geschmäht, hat das gemeinsame Singen seit etwa einem Jahrzehnt wieder eine wachsende Fangemeinde. Woche für Woche erklimmen in Deutschland rund 1,5 Millionen Menschen nach dem Tagewerk nicht etwa ermattet das Sofa, sondern tanken in der Chorprobe neue Energie. Tendenz: steigend. Die Chorszene profitiert vom Imagewandel und wird immer bunter und vielseitiger: Für alle Lebenslagen, alle Alters- oder Berufsgruppen findet sich ein passender Chor – von Barock bis Pop, von der singbegeisterten geselligen Runde bis zum semiprofessionellen Vokalensemble, vom gestandenen Männerchor bis zur rockigen Vocal Band.
Wer einmal den mehrstimmigen Gesang für sich entdeckt hat, befindet sich also in bester Gesellschaft. Doch wie jedes Hobby will das Singen im Chor gelernt und geübt sein, damit der Spaß an der Sache erhalten bleibt und ganz nebenbei der Gesang immer wohlklingender ertönt.

Zu den wichtigsten grundlegenden Aspekten rund ums Chorsingen bietet der folgende Artikel viele nützliche und im Choralltag sofort anwendbare Tipps und praktische Hinweise – inklusive 10 Goldener Regeln für motivierte Sänger und glückliche Chorleiter. Zum Ausdrucken, Anwenden und Weitergeben.

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10 Goldene Regeln für Chorleiter
10 Goldene Regeln für Chorsänger

singers-843199_640Sing dich glücklich – und komm zur Chorprobe
Manche empfinden das Singen regelrecht als Lebenselixier und den Chorabend als „Wochenglück“. Dass wir uns beim Singen wohl fühlen, liegt zunächst einmal daran, dass es typisch menschlich ist: „Singen gehört grundlegend zum Menschsein, es ist untrennbarer Bestandteil unserer Kommunikationsfähigkeit“, sagt Prof. Bernhard Richter, praktizierender Stimmarzt und Leiter des Freiburger Instituts für Musikermedizin. Laut aktuellen wissenschaftlichen Studien stärkt Singen unser Immunsystem und steigert unser körperliches, geistiges und seelisches Wohlbefinden, kurz: Singen macht glücklich! „Das Glück, was dabei vermittelt wird, ist messbar an den Glückshormonen, den Endorphinen. Die werden beim Singen massiv ausgeschüttet,“ erklärt Richter.
Den überzeugendsten Beweis für die Wirkung des Singens liefert nach wie vor der Selbsttest: Selbst wer noch so müde und abgekämpft in der Probe ankommt, zieht nach anderthalb Stunden heiter, beschwingt und voller Energie wieder von dannen. Chorleiterin und Dozentin Martina Freytag erklärt diesen Jungbrunnen-Effekt so: „Aktives Singen stellt eine Verbindung zu unserer Seele her. Wer singt, kann bei sich wahrnehmen, wie Spannungen beginnen sich umzuwandeln und aufzulösen und wie sich innere Freude verstärkt.“
Das ist alles wunderbar und gut zu wissen, doch das Wichtigste am Singen ist, dass man es tut! Das bedeutet für Sänger, ganz klare Prioritäten zu setzen: Chor geht vor, auch wenn sonst in Ihrem Leben gerade die Hölle los ist. Gönnen Sie sich das Chorsingen jetzt erst Recht, Sie werden mit neuem Schwung und einem guten Gefühl belohnt. Organisieren Sie sich, Ihre Arbeit und Ihr Umfeld so, dass die Chorprobe das letzte ist, was für Sie zur Disposition steht. Sehen Sie das regelmäßige Erscheinen in der Probe auch als Wertschätzung des Chorleiters und seiner Arbeit – es ist schlichtweg die Basis eines gut funktionierenden Chorlebens.
Umgekehrt gilt für Chorleiter: Freuen Sie sich über alle Sänger, die gekommen sind und sagen Sie es. Von Ihrem verständlichen Ärger über die Lücken in den Reihen sollte dagegen nichts zu spüren sein. Über die Musik und die konzentrierte Arbeit in der Probe wird er verfliegen.

Alle mal hersehen!
Das Wohlgefühl beim Singen hängt nicht zuletzt mit der Atmung zusammen. Wer engagiert singt, atmet gut. Wichtig dabei ist, nicht oberflächlich, sondern tief in den Bauch und in die Seiten zu atmen. Leider verhindert die beliebte Feierabend-Lümmelhaltung genau das. Der Haltungs-Knigge für Chorsänger lautet deshalb so:
Aufrecht vorne an der Stuhlkante sitzen, die Beine nebeneinander auf den Boden stellen und hin und wieder kontrollieren: Sind meine Schultern hochgezogen? „Die Sitzhöcker auf der Stuhlkante und die Außenkanten der Füße auf dem Boden spüren, aus dem Becken heraus nach oben wachsen, nach innen lächeln, heiter sein in Geist und Blick“, empfiehlt Martina Freytag als Mittel für optimale sängerische Präsenz. Gute Chorleiter werden nicht müde, ihre Sänger immer wieder freundlich an ihre Haltung zu erinnern und lassen sich dabei nicht anmerken, dass sie das ja schon hundertmal gesagt haben. Ein ähnliches Chorleiter-Mantra ist: „Seht nach vorne bitte, zu mir! Nicht nur in die Noten starren!“ Gute Chormusik wird mit Händen, Gesten und Blicken gemacht, die von den Sängern auch wahrgenommen werden müssen.
Bewährte Tricks gegen das Versinken in den Noten sind: kurze Passagen auswendig singen lassen, beim Singen im Raum umher gehen oder auch immer mal wieder ein, zwei Lieder im Stehen proben, wobei sich zwei oder drei Sänger eine Notenmappe teilen. Soviel wie möglich auswendig zu singen ist ein hehres Ziel, dem sich der Chorleiter schrittweise nähern kann, um den Chor nicht zu überfordern. Immer mal wieder zwei, drei Takte bewirken in Sachen Aufmerksamkeit schon Einiges.

choir-783666_640Die Probe ist (nur) zum Singen da
Eine aufmerksame, konzentrierte und ruhige Probenatmosphäre steht ganz oben auf der Wunschliste von Chorleitern. Wer sein Organ während der Probe (fast) ausschließlich zum Singen einsetzt, schont außer seiner Stimme auch die Nerven aller Beteiligten. Außerdem verpasst er viel seltener seinen Einsatz und bekommt sofort mit, an welcher Stelle es nach einer Unterbrechung wieder losgeht.
Selbstverständlich ist Chorsingen auch eine gesellige Angelegenheit, viele Sänger kennen sich untereinander gut und haben während der Woche viel erlebt, worüber sie sich austauschen möchten. Hier muss jeder Chor die für ihn beste Lösung finden: Manche Chöre vereinbaren nach der Hälfte der Probe eine Schwatzpause – nicht jeder hat nach der Probe noch Zeit für einen Kneipenbesuch und nicht alle kleinen Gespräche untereinander können so lange warten (nur das Bier muss in jedem Fall warten). Dass die Stücke abschnittweise mit den einzelnen Stimmgruppen einstudiert werden müssen, liegt in der Natur der Sache. Wer gerade nichts zu tun hat, bekommt damit eine wunderbare Gelegenheit, sich im (Zu)Hören zu üben, ohnehin die zweitwichtigste Fähigkeit eines guten Chorsängers. So lassen sich ganz nebenbei auch die anderen Stimmen kennen lernen: Das musikalische Verständnis für das Lied oder den Chorsatz in seiner Gesamtheit steigt enorm und damit die Qualität des Gesangs!

Chorsänger sind Musiker: neugierige, offene Menschen
Wer immer nur das singt, was er schon kennt oder was dem Bekannten stark ähnelt, wird irgendwann auf der Stelle treten – mit der Gefahr, dass sich (auch unbewusst) Langeweile und Verdruss einstellen. Ein Chorsänger ist zuallererst auch Musiker und gute Musiker sind offen für Unbekanntes und für neue Impulse. Sie sehen oder hören sich die Sache erst einmal genau an und machen eigene Erfahrungen damit, bevor sie vorschnell urteilen. Das gilt für eine ungewohnte Übung, ein sperriges Werk, eine neue Musikrichtung ebenso wie für ein unkonventionelles Konzertprojekt oder eine nie dagewesene Unternehmung mit dem Chor. Chorleiterin Martina Freytag weiß aus jahrzehntelanger Erfahrung: „Alle sind erfolgreicher, wenn sie sich vorurteilsfrei auf etwas einlassen. Man muss erst gekostet und ein unbekanntes Gericht von Herzen probiert haben, bevor man sagen kann, ob es schmeckt. Allerdings muss für manche Chorsänger Ambiente her, damit sie auf den Geschmack kommen: Nicht jede Übung und jedes Lied funktionieren zu jeder Zeit. Manchmal braucht es eine Kerze, manchmal die Scheinwerfer.“

Bei Berührungsängsten hilft Geduld, zuweilen Humor oder auch ein Probentrick: Geht es um einen neuen Musikstil, kann der Chorleiter die Sänger mit einer kleinen Klangimprovisation zunächst in die ungewohnten Harmonien eintauchen und sie auf sich wirken lassen. Das später ausgeteilte Notenblatt mit den vielen unbekannten Zeichen und den vertrackten Rhythmen wirkt dann gleich nicht mehr so furchterregend.
Vertrauen Sie Ihrem Chorleiter, er hat Sie und den Chor schon sicher durch so manch scheinbar unsingbare Komposition oder die unwegsamen Klippen eines Konzerts geführt und weiß, was er tut. Umgekehrt sollte die Chorleitung bei aller Begeisterung für das neue Projekt ein offenes Ohr für Bedenken oder Unsicherheiten haben und bei anhaltendem Gegenwind eine ergebnisoffene Diskussion nicht scheuen. Letztlich müssen alle im Chor das Gefühl haben, abgeholt und mitgenommen worden zu sein, damit sie sich mit Herzblut engagieren können. Nur wer gemeinsam geht, kommt auch gemeinsam ans Ziel.

Der Chor bin ich – alle sind der Chor
Wie jedes komplexe soziale Gefüge ist auch ein Chor die Summe seiner Teile – im besten Fall sogar mehr. Jeder Einzelne trägt ein Stück weit Verantwortung für den Chor. Das fängt beim pünktlichen Erscheinen zur Probe an – mit gespitztem Bleistift für Anmerkungen in den Noten! Manche Chöre lassen am Anfang und Ende ein Stiftemäppchen durch die Reihen gehen, um Unruhe und Gekruschtel zu vermeiden.
Ein Laienchor ist gleichbedeutend mit viel ehrenamtlichem Engagement, da ist nicht nur jede Stimme, sondern jede Hand gefragt. Ob es um den allwöchentlichen Auf- und Abbau der Bestuhlung oder den Chorpodien bei Auftritten geht, ums Plakatieren, den Saal herrichten oder das Aufräumen und Abspülen nach dem Sommerfest: Der Vorstand, das Organisationsteam oder die vier, fünf üblichen Verdächtigen müssen nicht alles alleine stemmen. Lassen Sie sich nicht bitten, sondern bieten Sie Hilfe an oder übernehmen sogar eine größere Aufgabe, die Ihnen gut liegt.
Die Chorleitung muss selbst einschätzen und zweifelsfrei mit dem Vorstand absprechen, wie viel sie zusätzlich zur musikalischen Arbeit leistet. Und der Vorstand sollte zwar den Kahn steuern und organisatorisch die Fäden in der Hand halten, sich aber, wo nötig, in der Kunst des Delegierens üben.
Martina Freytag, die sich in ihren Büchern mit vielen Aspekten des Chorleitens und Chorsingens beschäftigt hat, resümiert: „Alle können daran arbeiten, dass das Spektrum, in dem der Chor sich bewegt, bunter wird. Das betrifft die Musik, die menschliche Offenheit für die Andersartigkeit des Anderen und für die weltweite Vielfalt, mit der Musik gelebt wird. Keiner hat Recht, nur weil er denkt, dass er Recht hat! Diese Loyalität lässt sich im Chor bestens lernen.“

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10 Goldene Regeln für Chorleiter
10 Goldene Regeln für Chorsänger



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Autorin_EvaKrautter_lowresDie Autorin Eva Krautter leitete lange Zeit die Redaktion der Zeitschrift „Chorzeit“ des Deutschen Chorverbands in Berlin. Sie arbeitet heute als Musikjournalistin, Autorin und PR-Managerin in Frankfurt am Main.

In der nächsten Folge der Serie „Mein Chor und ich“ geht es um das wichtigste Element im Chor, die Stimme.

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22 Kommentare
    • Inga Grau
      Inga Grau says:

      Kann jeden Satz bestätigen!
      Als langjährige Laiensängerin in verschiedenen Chören wünsche ich mir immer wieder,daß, wenigstens
      einige der angeführten Gedanken,auch umgesetzt werden – sei es vom Chorleiter,sei es vom Sänger/Innen.

  1. Anne-Marie
    Anne-Marie says:

    Großartig! jedes Wort kann ich als Chorsängerin UND als Chorleiterin voll unterschreiben! sehr schöner Artikel 🙂 vielen Dank!

  2. Pius Mareischen
    Pius Mareischen says:

    Ein sehr guter Bericht. Ausführlich und es motiviert einem Chor beizutreten. Freue mich auf weitere Beiträge.

  3. Peter Schemming
    Peter Schemming says:

    Hallo,
    wie kommt an die nächsten Folgen der Serie “Mein Chor und ich” ?

    Also ich bestell mir mal den Newsletter in der Hoffnung darüber daranzukommen….bin auf Facebook über ein Posting eines unserer Domkapitulare auf den tollen Artikel aufmerksam geworden !

    Grüße aus der Stadt mit dem kürzesten Fluß Deutschlands und dem weltgrößtem Computermuseum,
    Peter Schemming

  4. Karl Hawelka
    Karl Hawelka says:

    Liebe FORTE-Gruppe,
    Danke für den Beginn über´s Chorsingen. Habt Ihr auch etwas über NOTEN-ARCHIV, Aufbau, Verwaltung und was noch alles dazu gehört?
    Vielen Dank für Eure Rückantwort.
    Freundliche Grüße
    Karl Hawelka

    • FORTE-Team
      FORTE-Team says:

      Hallo Karl,
      danke für das Feedback. Das haben wir aktuell nicht auf der Liste. Vielleicht schaffen wir es ja irgendwann mal, auch dazu etwas zu machen.
      Liebe Grüße
      Sebastian vom FORTE Team

  5. Matthias Neuburger
    Matthias Neuburger says:

    Ich danke für neue Ideen und die Bestätigung der Richtigkeit bisheriger Arbeitsweisen durch diesen Artikel!
    Viele Grüße,
    Matthias Neuburger
    Chorleiter “Erster Kölner Barbershop Chor”

  6. Friedrich Rosenbauer
    Friedrich Rosenbauer says:

    Liebes Forte Team,
    Auch diesmal wieder eine große Freude von Euch zu lesen. Habe die 10 Goldenen Regeln gleich auf unserer WEB-Site verlinkt und für die Sängerinnen und Sänger welche keinen Internetanschluss haben ausgedruckt und werde sie bei der nächsten Chorprobe verteilen.
    Ganz großes Danke
    Friedrich R., Chorsänger, Vogtlaendische-Chorgemeinschaft

  7. Brigitte Nolte
    Brigitte Nolte says:

    Danke !!!!!! Für diese 10 wundervollen Tipps !! 🙂 Schöne und sinnvolle Motivation !!!

  8. Dieter Dreyer
    Dieter Dreyer says:

    Sehr interessant für den Chor, aber auch abgewandelt für ein Gitarrenorchester.
    Hier kann jede /r etwas mitnehmen.

    Dieter Dreyer
    Leiter “Gitarren Orchester Medium-Musica” Herne

  9. Britta van Ellen
    Britta van Ellen says:

    Der Artikel spricht mir aus der Seele.
    Ich Freu mich auf mehr.
    Den Artikel werde ich weiterleiten und weiterempfehlen.

    Liebe Grüße aus Bottrop,
    der Stadt mit dem grauen Hügel, auf dem es in 90 Tagen Wagners “Fliegenden Holländer” zu hören und sehen gibt.

    Britta van Ellen
    Projektchor der Arbeitsgemeinschaft Bottroper Chöre zu Zeit “Fliegender Holländer”

    • FORTE Support Team
      FORTE Support Team says:

      Schön, dass Ihnen unser Chor-Special gefällt. Wir werden demnächst noch weitere Artikel veröffentlichen. Ihr FORTE-Team

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